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An einem warmen Herbstnachmittag saß ich mit Bobby in seinem traditionellen Wohnhof im Zentrum von Beijing. “Hier wohne ich wie in einem alten Gedicht. Im Frühling kommen die Blüten heraus, im habe ich eine kühle Brise, im Herbst genieße ich den Mond und im Winter fällt gerade genug Schnee für einen Schneemann. Trotzdem ist genug Platz für meine Gäste”, lächelte der 36jährige Wirt.
Bobby kam als Student aus Sydney zurück nach Beijing und arbeitete dann in der Finanzwirtschaft. Eines seiner Projekte brachte ihn in Kontakt mit alten Wohnhöfen in den Hutongs, den alten Gassen der Stadt, in denen er aufgewachsen war, und von denen die meisten bereits verschwunden sind. Bobby nutzte die Gelegenheit, kündigte und wurde zum Pensionsbesitzer.
“Nach vielem Suchen wählte ich diesen Hof im Liuhe Hutong. Im Westen sind der Kaisertempel und der Tempel der weißen Pagode. Im Osten liegen der Guangji-Temple und das Museum für den Schriftsteller Lu Xun. Und die Gasse wird voraussichtlich nicht abgerissen.“ Das Templeside Guest Hostel wurde 2006 eröffnet. Seither ist es ein internationaler Geheimtipp unter Rucksacktouristen.
Es gibt nur 30 Betten, manche davon sind für mehrere Personen. Im Eingangsbereich hängen alte Landkarten. Ein Wandschirm weist den Weg in das traditionell gestaltete Innere. Es gibt Scherenschnitte, Kalligrafie etc. “Ich möchte nicht nur Geld verdienen, sondern meinen Gästen zeigen, was Beijing wirklich ausmacht, wie das Leben hier war. Zum Beispiel machen wir jeden Dienstag Jiaozi (Teigtäschchen), und unsere Gäste machen mit. Wenn ein traditionelles Fest ansteht, feiern wir auch gemeinsam mit unseren Gästen, besonders zum Frühlingsfest, da gibt es auch Feuerwerk.“
Während wir im Hof saßen, hörte und sah ich viele Pfeiftauben über die Dächer fliegen. Ein Katze gähnte in der Ecke. “Wir sind natürlich nicht so luxuriös wie die Hotels mit ihren Sternen. Wir möchten einfach, dass sich unsere Gäste wohl fühlen, vielleicht ein bisschen wie daheim.” 2007 wurde das Templeside bei einer Umfrage www.hostelworld.com zum “Nr. 1 Hostel in China 2007“ gewählt.
“Wir hatten es sehr schön hier in diesem alten Garten. Die Wirtsleute sind freundlich und hilfreich, die Zimmer sind groß genug und sonnig.” So beschrieb ein belgisches Pärchen ihre Erfahrung auf www.hostelworld.com. Ein anderer Gast schreibt: “Ich liebe diese alten Gassen. In der Früh gehe ich spazieren und finde überall ein gutes Frühstück. Die Wirtsleute hier sind sehr hilfreich mit Tips und schreiben einem gerne auf, was man auf Chinesisch braucht. Sie brachten mich sogar in ein nahegelegenes Krankenhaus! Die Zimmer sind sehr sauber.”
“Unser Hostel ist schlicht und bescheiden, aber gut ausgerüstet, wie wir hoffen. Das Haus ist auch nicht über-renoviert. Unsere Gäste wollen traditionelle Kultur finden, und die bekommen sie auch. Wenn wie gestern zwei japanische Mädchen hereinkommen und sagen ‘Hier ist es wie im Fernsehen’, dann nehme ich das einfach als Kompliment. Es ist ein Hutong-Wohnhof als HosteI, aber wir sind kein Museum, wir leben einfach selbst gerne so.”
In den letzten Jahren sind Unterkünfte bei lokalen Familien in Wohnhöfen immer populärer geworden, auch während der Olympischen Spiele. Bobby hat bereits zwei andere Hostels eröffnet. “Wir haben auch immer mehr Konkurrenz. Aber ich bin froh darüber, denn wenn die Hutongs noch populärer werden, bleiben wenigstens einige der alten Höfe und Gassen erhalten. Die großen Hotels mögen das moderne Beijing vermitteln, die Hostels in den Hutongs dagegen vermitteln die jahrtausendealte Kultur und auch etwas vom wahren Leben der einfachen Leute.”