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Dialog über Geschichte und Realität in Tibet
 

Li Xiguang

Jane Macartney

Georg Blume

Wenquan Otto

Ma Lihua

Ezzat Shahrour

Gelek

Dawa Tsering

Zhu Liping

Norbu Wangdan

Yoichi Shimatsu

Das Forschungszentrum für internationale Kontakte an der Qinghua-Universität in Beijing veranstaltete vor kurzem eine Serie von wissenschaftlichen Dialogen mit dem Thema ,,Dialog über Geschichte und Realität von Tibet“. Die Dialoge, an denen viele tibetische Gelehrten und westliche Journalisten teilnahmen, betreffen Politik, Geschichte, Religion, Wirtschaft und Kultur von Tibet. Diese Gespräche bedeuteten, dass der Dialog zwischen ausländischen Medien und chinesischen akademischen Kreisen im wirklichen Sinn beginnt. Der Dialog wird die Menschen auf der ganzen Welt veranlassen, die Probleme um Tibet noch genauer und umfassender kennenzulernen. Im Folgenden bringen wir Auszüge aus den Gesprächen.

 

Liste der teilnehmenden Personen:

Gelek kommt aus der Provinz Sichuan und ist der erste Doktor der tibetischen Nationalität. Er ist stellvertretender Generalreferent im Chinesischen Forschungszentrum für tibetische Studien

Nuobu Wanddan, tibetische Nationalität, ist Forschungsbeauftragter vom Forschungsinstitut für Literatur der Nationalitäten in der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften

Dawa Tsering: tibetische Nationalität, stellvertretender Forschungsbeauftragter vom Forschungsinstitut der Tibetischen Akademie der Sozialwissenschaften für Tibet in der Gegenwart

Otto Wenquan: tibetische Nationalität, Leiter des Internationalen Austauschzentrums der Diplomatischen Hochschule in Beijing

Ma Lihua: Chefredakteurin des Chinesischen Verlags für tibetische Studien

Zhu Liping: Forschungsbeauftragter am Forschungsinstitut für das Qinghai-Tibet-Hochland der Chinesischen Akademie der Wissenschaften

Jane Macartney: Chefkorrespondentin der „Times“ aus England

Ezzat Shahrour: Chefkorrespondent von AL JAZEERA aus Katar

Georg Blume: Chefkorrespondent des Magazins ,,Die Zeit”

Yoichi Shimatsu: Bekannter Produzent von Dokumentarfilmen, ehemaliger Chefredakteur der ,,Japan Times“

Tim Johnson: Korrespondent der McClatchy-Zeitungsgesellschaftsgruppe (The McClatchy Company) in den USA

Li Xiguang: Moderator dieses Dialogs, Leiter des Forschungszentrums für internationale Kontakte der Qinghua-Universität

 

Li Xiguang: Heute treffen sich hier auf Einladung chinesische Gelehrte und ausländische Journalisten. Sie können über die Tibet-Frage und die Frage des Dalai Lama frei sprechen. Die erste Frage: Halten sie es für richtig, dass westliche Presseberichte die Behauptung ,,China hat Tibet besetzt“ benutzt haben? Hatten die Tibeter unter der Herrschaft der früheren Dalai Lamas wirkliche Demokratie und Freiheit?

 

Jane Macartney: Warum bringen westliche Medien die Behauptung ,,China hat Tibet besetzt“ und wie waren die Umstände vor 1951 oder 1959 in Tibet? Ich meine, diese Fragen haben keine größere Bedeutung in der heutigen Diskussion. Wir wollen vielmehr genau wissen, wie denken heutige Tibeter darüber? Und wie behandeln sie den Dalai Lama? In meinem Kontakt mit den Tibetern bemerkte ich, dass sie den Dalai Lama sehr verehren. Wir wollen auch wissen, kann sich Tibet weiter entwickeln? Wenn ja, wollen wir wissen, wo liegt der Entwicklungsspielraum?

 

Li Xiguang: Frau Jane Macartney sagte, dass die heutige Diskussion keine Beziehung zu Tibet vor 1959 hat. Aber der Dalai Lama erhob in den letzten Jahren den Vorwurf ,,China vernichtet die tibetische Kultur“. Die Gründe der Vorwürfe sind vor allem gegen die Geschichte vor 1959 in Tibet. Darf ich fragen, ob die Behauptung ,,Vernichtung tibetischer Kultur“ richtig ist? und ob tibetische Kultur von alters her fehlerfrei ist?

 

Georg Blume: Viele Menschen haben die Meinung, dass die Tibeter heute noch in einem primitiven Lebenszustand befinden und immer nur an die Religion glauben. Im Jahr 2008 konnte ich in Tibet viele Tibeter persönlich kennenlernen. In meinen Augen sind die Tibeter eine Volksgruppe, für die Religion sehr wichtig ist, aber sie ziehen auch gern Jeans an und hören amerikanische Musik. Westliche Kultur und städtische Lebensweise haben oft großen Einfluss auf ihre Lebensweise ausgeübt. Ich habe die Meinung: Wir dürfen Tibet nicht idealisieren und mystifizieren. Natürlich sollten westliche Journalisten die Gelegenheit haben, nach Tibet zu gehen. Dann können sie Tibet selbst kennenlernen.

 

Otto Wenquan: China ist ein Basishintergrund der tibetischen Kultur, Gesellschaft und Geschichte. Im Laufe der geschichtlichen Entwicklung kann sich tibetische Kultur unvermeidlich entwickeln und modernisieren. Das vorhandene Politik-, Wirtschafts- und Kultursystem bietet für die Entwicklung der tibetischen Kultur eine passende Gelegenheit und eine große Plattform an. Mein älterer Bruder hat in Tibet, Beijing und Yunnan einige gastronomische Unternehmen für tibetische Küche gegründet, und meine jüngeren Schwestern haben eine tibetische Chorgruppe gegründet. Es ist klar, dass das vorhandene System meinem Bruder und meinen Schwestern diese Möglichkeit gegeben hat. In den Gebieten, wo die Tibeter wohnen, gibt es sicher viele Probleme und Schwierigkeiten. Die Jugendlichen haben heute auch Beschäftigungsprobleme. Die Probleme und Schwierigkeiten in den Gebieten, wo die Tibeter wohnen, sollen und müssen durch Entwicklung gelöst werden.

 

Li Xiguang: Herr Otto Wenquan sagte, dass Tibet Entwicklung und Modernisierung braucht. Aber westliche Medien meinen, dass die Tibeter mit der Veränderung, der Modernisierung, sogar mit den Umständen nach dem Jahr 1959 in Tibet nicht zufrieden seien. Zu dieser Frage können die in Tibet arbeitenden Gelehrten und die Journalisten, die mehrmals Tibet besucht haben, ihre Ansichten geben.

 

Ma Lihua: In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts interviewte ich im Weidegebiet in Tibet einen alten Tibeter. In seiner Sterbestunde sagte er: ,,Es wäre schön, wenn ich vor meinem Tod ein Mal ins Kino gehen könnte. Das ist mein letzter Wunsch.“ Aber er verließ die Welt mit einem unerfüllten Wunsch. Ich bin auch dafür, tibetische Kultur zu schützen. Aber ich meine, die Tibeter haben das Recht, moderne Kultur und alle wissenschaftlichen und technischen Ereignisse zu genießen. Sie sollen ihre eigene Lebensweise haben und ihre eigene Lebensqualität verbessern.

 

Yoichi Shimatsu: Zur Zeit arbeite ich in Gebieten der tibetischen Nationalität in den Provinzen Sichuan und Gansu. In den Regierungen auf jeder Ebene in diesen zwei Provinzen haben Tibeter ein großes Mitspracherecht. Viele Tibeter sind Beamte der Regierungen jeder Ebene. Heute gibt es immer mehr Tibeter, die die traditionelle landwirtschaftliche und viehwirtschaftliche Produktion verlassen und verschiedene Fachkenntnisse erworben haben.

 

Ezzat Shahrour: Ich meine, dass die von westlichen Medien veröffentlichten Presseberichte über den Dalai Lama nicht unparteiisch, nicht objektiv und nicht neutral sind. Aber die westlichen Medien liegen nicht ganz falsch, weil die chinesische Regierung den westlichen Medien keine Chance gibt, unparteiisch, objektiv und neutral über den Dalai Lama zu berichten. Warum sage ich das? Meine Gründe sind die folgenden:

1.     Jedes Mal, wenn chinesische Medien mich interviewen, fragen sie nur: Was halten Sie davon, wie westliche Medien über China berichten? Ich meine, für die Chinesen ist die Prestigefrage sehr wichtig.

2.     Westliche Medien und manche westlichen Länder haben den Dalai Lama zum einzigen legitimen Vertreter der Tibeter gemacht und geben ihm dadurch einen weltweiten Wirkungskreis. Aber das Autonome Gebiet Tibet hat keinen Tibeter wie den Dalai Lama in seiner offiziellen Vertretung. Die chinesische Regierung hat keinen einzigen tibetischen Vertreter gefunden, der von allen Tibetern verehrt wird. Viele Probleme und Fragen der Tibeter sind deshalb bis heute noch nicht gelöst. Der Dalai Lama ist so zum einzigen legitimen Vertreter der Tibeter geworden, auch in  Tibet, und hat die Tibet-Frage auf die Tagesordnung der Weltöffentlichkeit gebracht.

Jetzt ist der Dalai Lama sehr alt und zur Zeit gibt es in Tibet eine Organisation mit dem Namen ,,Tibetische Jugendgruppe“. Diese ,,Tibetische Jugendgruppe“ ist wie eine Terrororganisation, sie ist deutlich auf dem Weg zum Extremismus. Ich fürchte schon, dass wir an einem bestimmten Tag in der Zukunft die Situation in Tibet ganz wie die in Gaza sehen, falls die Probleme und Fragen der Tibeter noch länger offen bleiben.

 

Li Xiguang: Der Dalai Lama erwähnt oft den Begriff ,,Großes tibetisches Gebiet“. ,,Großes tibetisches Gebiet“ bedeutet eine Nationalität, eine einzige Religion und eine einzige Kultur. Sind Sie mit dem Dalai Lama einer Meinung?

 

Jane Macartney: Ich interviewte einige Tibeter. Ich fragte sie: ,,Wollen sie, dass der Dalai Lama nach Tibet zurückkehrt?“ Ihre Antwort war „Ja!“. Meine zweite Frage war: ,,Wollen sie, dass die chinesische Verwaltung Tibet verlässt?“ Ihre Antwort war „nein“, bzw. sie verstanden die Frage gar nicht. Für mich ist klar: Die Tibeter wollen, dass der Dalai Lama nach Tibet zurückkehrt und wollen gleichzeitig, dass die chinesische Zentralregierung dem tibetischen Gebiet ein Aufblühen der Wirtschaft bringt. Aber das Problem besteht darin, wie gehen beide Wünsche der Tibeter in Erfüllung?

 

Georg Blume: Wenn westliche Medien über Tibet-Fragen berichten, wollen sie immer Tibet als ein Land betrachten. Diese Sicht ist falsch. In Europa meint man, eine Nation bilde sich automatisch zu einem Land. Aber China ist ein Land mit vielen Nationalitäten. Widersprüche und Konflikte zwischen den Nationalitäten in China sind unvermeidlich und begreiflich. Ich meine, die Behauptungen des Dalai Lama zu einem ,,Großen tibetischen Gebiet“ sind problematisch. Die Tibet-Fragen können nicht durch Konzepte wie ,,eine Nationalität, eine Religion und eine Kultur“ gelöst werden.

 

Gelek: Die Tibeter wollen, dass der Dalai Lama nach Tibet zurückkehrt, weil der Dalai Lama in den Augen der Tibeter die Verkörperung einer Gottheit ist und die Tibeter ihn als geistige Stütze betrachten. Die Tibeter brauchen gleichzeitig die Befreiung, das Essen, den Straßenbau, das Autofahren etc. und brauchen deswegen die Kommunistische Partei Chinas und die Zentralregierung. Für die Tibeter sind die Rückkehr des Dalai Lama und die Zentralregierung kein Widerspruch, denn die Tibeter brauchen sowohl religiösen Glauben, als auch eine Lebensverbesserung.

Aber falls der Dalai Lama zurückkehrt, wird er die Frage des ,,Großen tibetischen Gebietes“ besprechen wollen. In der jüngeren Geschichte gab es aber noch kein ,,Großes tibetisches Gebiet“. Deshalb kann diese Frage jetzt nicht gelöst werden.

Was ist ,,wirkliche Selbstverwaltung des tibetischen Gebiets“? Das Autonome Gebiet Tibet wurde vor 50 Jahren gegründet. Unter den Führungskadern jeder Ebene von der Regierung des Autonomen Gebiets bis zur Gemeinderegierung nehmen örtliche Tibeter 60% ein. Ich meine, in einem Land mit vielen Nationalitäten ist das schon wirkliche Selbstverwaltung.

 

Yoichi Shimatsu: Die Gründe für das ,,Große tibetische Gebiet“ des Dalai Lama bestehen vielleicht darin: Der 13. Dalai Lama sagte voraus, dass der nächste Dalai Lama in Qinghai wiedergeboren werde. Während der Tibet-Invasion aus Indien durch England flüchtete der 13. Dalai Lama aus Tibet und lebte in der Zeit von 1903 bis 1905 in Qinghai. Später kehrte der 13. Dalai Lama mit diplomatischer Hilfe der japanischen Regierung wieder nach Tibet zurück. Tibet wurde allmählich zu einem ,,Pufferstaat“ unter Kontrolle der indischen Kolonialverwaltung und der englischen Regierung.

Ich meine, warum will der Dalai Lama ein ,,Großes tibetisches Gebiet“ gründen? Weil er in Qinghai eine geistige Hochburg errichten will. Zwischen der wirklichen Geschichte und religionspolitischen Allegorien gibt es tatsächlich große Unterschiede. Der Dalai Lama glaubt an die Allegorien. Seine Behauptungen zu einem ,,Großen tibetischen Gebiet“ lösen sich von der wirklichen Geschichte los.

 

Li Xiguang: Durch den heutigen Dialog haben wir entdeckt, dass es zwischen ausländischen Reportern und Gelehrten in China manche Unterschiede im Verständnis  der Geschichte und Kultur gibt. Dieser Dialog ist ein guter Kulturaustausch. Ich bin sehr erfreut, dass alle hohe Gäste sich hier getroffen haben und Sie uns Ihre Meinung ausgedrückt haben. Hier erzeige ich allen hohen Gästen meine Dankbarkeit. 

 

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