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BESTELLEN VON CHINA IM BILD |



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Microsoft China befand sich in einer schwierigen PR-Situation, als ich Herrn Liu Fengming traf. Herr Liu ist Vizevorstand von “Microsoft Greater China Region”. Er wurde in den USA als Anwalt ausgebildet und hat als erster auch dort praktiziert, ohne seine chinesische Staatsbürgerschaft aufzugeben.
Im Oktober 2008 startete Microsoft China die Anti-Piraterie-Aktionen Windows Genuine Advantage (WGA) und Office Genuine Advantage (OGA). Dabei wurden Microsoft-Programme in China online verifiziert. Wenn ein Computer die Windows-Prüfung nicht besteht, wird sein Bildschirm alle 60 Minuten schwarz. Und wenn er bei der Office-Prüfung durchfällt, bekommt er immer wieder Anti-Piratierie-Mitteilungen.
Diese Aktionen verursachten Debatten und Kontroversen. Ein Anwalt in Peking bezeichnete die Verifikationen in einem Brief an das chinesische Ministerium für Öffentliche Sicherheit als „größte Hacker-Verschwörung in der Geschichte“, die gegen neue und bestehende Gesetze zum Schutz von Privateigentum verstoße. Auch im Internet wurde Microsoft heftig kritisiert. Es war die bisher größte Herausforderung für die Reputation der Firma in China. Während unseres Gesprächs musste Liu wiederholt mit seinem Handy mit der Microsoft-Zentrale telefonieren. Dabei blieb er immer gelassen. Liu hat die 30 Jahre alte Politik der Reform und Öffnung von Anfang an miterlebt und intensiv für sich genützt. Er ist dadurch ideal positioniert, um Microsoft in dieser Situation zu helfen.
Aus dem Dorf an die US-Universität
Dingxi ist ein von Dürre bedrohter und verarmter Bezirk in der nordwestlichen Provinz Gansu. 1974 wurden der 17jährige Liu und 11 seiner Schulkameraden dort aufs Land zur Umerziehung durch Arbeit geschickt.
Zwei Jahre später rekrutierte die Provinzregierung einige Arbeiter vom Lande. Liu wurde ausgewählt und durfte in der Provinzhauptstadt Lanzhou eine Berufsschule besuchen. “Ich hatte drei Möglichkeiten, man konnte Sicherheits-Wächter werden, aber auch Hotelpage oder Kellner. In fast drei Jahren auf dem Land war ich oft hungrig gewesen. Deshalb wollte ich in einem Restaurant arbeiten. Und so war ich fast zwei Jahre Kellner in einem Gasthaus in Lanzhou.”
Nach dem Ende der Kulturrevolution wurden die Hochschul-Aufnahmeprüfungen wieder eingeführt. Viele Anwärter hatten keine Zeit, sich auf die Prüfung vorzubereiten, weil sie sich auf ihre Arbeit und ihre Familie konzentrieren mussten. “Ich war noch jung und hatte genug Energie. Ich wusste gar nicht, wie es an der Uni sein würde und wollte nur lernen.” 1977 bestand Liu die Aufnahmeprüfung und begann mit dem Studium an der Abteilung für Rechtswissenschaften der Peking-Universität.
Das Studium verlief erfolgreich. Vor der Ablegung seiner Bakkalaureatsprüfung füllte Liu einen Antrag für die erstmals angebotenen Graduiertenprogramme aus. Darin gab er an, gerne im Ausland studieren zu wollen. “Mir war nicht klar, was geschehen würde, aber bei der Frage, ob ich gewillt wäre, ins Ausland zu gehen, kreuzte ich ‚Ja’ an. Und deshalb wurde ich dann aufgrund meiner guten Noten einer der ersten Studenten, die ein Auslandsstipendium des Erziehungsministeriums erhielten. Im Rahmen eines Austauschprogramms zwischen der Peking-Universität und der University of Washington konnte ich in die USA gehen.“ Dort bildete sich Liu in den Rechtswissenschaften weiter, zunächst in der Absicht, einmal als Professor an die Peking-Universität zurückzukehren.
Sein erster Fall war sein eigener
An der University of Washington wollte Liu die Zulassungsprüfung für amerikanische Anwälte, das „bar exam“ ablegen. Er wurde jedoch abgelehnt, weil er weder US-Bürger war, noch eine dauerhafte Niederlassung nachweisen konnte. Die American Bar Association schlug ihm aber vor, gegen den Entscheid der Prüfungsbehörde zu berufen und eine Überprüfung der Vorschriften für die bar exams zu fordern. “In meiner Berufung sagte ich, die lokalen Vorschriften für die bar exams widersprechen dem Verfassungsgrundsatz, dass alle vor dem Gesetz gleich seien.”
Das zuständige lokale Gericht entschied zunächst, dass Liu nach einer erfolgreichen Ablegung der Prüfung ein Jahr als Anwalt in den USA arbeiten dürfe. “Ich hielt diese zeitliche Begrenzung für ungerecht und berief vor dem obersten Gericht. Dort kamen neun Richter schließlich zu der Entscheidung, dass ich bei erfolgreicher Ablegung der Prüfung unbegrenzt als Anwalt arbeiten dürfe.“ Der Staat Washington hat u.a. deshalb auch seine Bestimmungen über die bar exams geändert. Liu bestand die Prüfung und wurde der erste qualifizierte nicht-amerikanische Anwalt in den USA.
Wieder in China
1992 kehrte Liu nach China zurück und wirkte als Repräsentant des Anwaltsbüros Graham & James. Drei Jahre später war er „globaler Partner“ der Firma, außerdem arbeitete er als Berater für eine Schiffahrtsgesellschaft und als regionaler Direktor. 1997 kam Liu zu Microsoft. Als Vizepräsident für die Region China ist er für gesetzliche Belange in der Region zuständig, dazu gehören Beziehungen mit lokalen Regierungen, Maßnahmenformulierung und Wohltätigkeit. Mit seinen früheren Schulkollegen besuchte Liu auch den Bezirk Dingxi, wo sie früher gearbeitet hatten. Im Gegensatz zu Beijing und Shanghai hatte sich das Dorf in den Jahrzehnten kaum verändert. “Die Leute erinnerten sich sogar an unsere Namen, vielleicht weil wir die einzigen Fremden waren, die je hier gelebt hatten.” Die Fremden haben das Dorf verlassen und sind an die Universität gegangen, manche auch ins Ausland. Aber für die Dorfbewohner hat sich wenig verändert. „Warum? Weil sie keine Chance haben, die Welt draußen zu erfahren. Für uns war und ist der größte Vorteil der Reform und Öffnung die Chance, die Welt kennenzulernen.“ Diese Politik ermutige viele Menschen, ihre Talente, ihre Ressourcen und ihre Phantasie besser einzusetzen. Wenn man über Veränderungen in China spreche, müsse man aber unbedingt auch die nicht so leicht sichtbaren Veränderungen unter der Oberfläche beachten.
“Ohne Reform und Öffnung hätte ich nicht ins Ausland gehen können, und auch nicht als Anwalt einer ausländischen Firma zurückkehren. Microsoft ist durch den Reformprozess hierher gekommen und ist hier sehr erfolgreich. Meine Firma und ich verdanken unseren Erfolg der Reform und Öffnung”, sagt Herr Liu.