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Jedes Jahr im September ist die Zeit der Baumwollernte gekommen. Einige zehntausend Erntearbeiter aus den Provinzen Henan, Gansu, Sichuan, Shaanxi, Jiangsu, Anhui und Qinghai schwärmen dann nach Xinjiang, um bei der Baumwollernte mitzuarbeiten. Die Truppe an „Pflückern“ unterwegs, ist gewaltig. Die weiteste zurückgelegte Distanz beträgt 4000 km. Mit einer derartig immensen saisonalen Migration, entsteht auf dem chinesischen Arbeitsmarkt jedes Jahr ein einmaliges Großereignis. Ein Export von Erntearbeitskraft im Bereich Baumwolle ist im Gegensatz zu früher, zu großen Teilen organisiert und beaufsichtigt von der Regierung. Mit der Baumwollernte soll ein wichtiger Beitrag zur Erhöhung der Familieneinkommen, in einzelnen unterentwickelten Gebieten, geleistet werden. In der kurzen Phase von etwas mehr als zwei Monaten, bietet sich eine große Chance für zehntausende, aus verschiedenen Gebieten kommenden Menschen, Arbeit in der Produktion zu finden. Sowohl für die Arbeitsuchenden als auch für Produktionsbasis Xinjiang, entstehen viele Möglichkeiten.
„Wir warten hier schon einen Vormittag und wollen nur einige Baumwollerntekräfte mit flinken Händen suchen. Um die Leute anzulocken, haben wir dieses Jahr extra ein neues Haus gebaut. Ich habe sogar zwei große Personentransporter angemietet, um sie von der Haltestelle abzuholen. Aber es ist einfach so, dass wir nicht wissen ob wir genug Arbeitskräfte finden können. Zurzeit ist es nicht gerade einfach, welche zu finden.“ erklärt, ein hilflos auf die wenigen Arbeiter im Innern der Markthalle blickender Baumwollbauer, auf dem Arbeitermarkt in Manasi, eine Stadt der Changji Region in Xinjiang.
In den letzten Jahren sind in Folge der guten Nachrichten auf dem Markt die Anbauflächen von Baumwolle vergrößert worden. Damit einhergehend wurden auch die Investitionen in Hightech-Geräte erhöht. Die Produktionsmenge aus jedem Mu (1/15 Hektar) erreicht über 300 Pfund, deshalb muss auch die Investition in Arbeitskräfte erhöht werden. Der Mangel an Arbeitskräften jedoch führt jedes Jahr dazu, dass durch die Baumwollernte in Xinjiangs Erntegebieten zur Saison zur Knappheit von Arbeitskraft wird. Wenn der Zug durch Xinjiang unterwegs ist, muss er die Arbeitskräfte oft nur eine Station transportieren und schon verlassen viele wieder den Zug, wo sie am Ausgang sofort umrungen werden. In Folge des saisonalen Charakters der Baumwollernte sind der September und Oktober zur „Goldenen Phase“ des Gerangels um die Ressource Arbeit in Xinjiang geworden. Nach und nach wird überall eine Vorzugspolitik für die Migration von Erntehelfern nach Xinjiang eingeführt. Dies verbessert die Lebensbedingungen und wurde bereits zur notwendigen Bedingung für den Wettbewerb um Arbeitskräfte in allen Baumwollgebieten. Die Frage wie man die Baumwollgebiete für große Mengen an Erntehelfern noch attraktiver machen kann, wird zum neuen Hauptproblem eines jeden Gebietes.
Die meisten Arbeitskräfte kommen aus der mittleren Region Chinas, da sie mit der Arbeit sehr vertraut sind, außerdem verfügen sie über eine hohe Unempfindlichkeit gegenüber dieser harten Tätigkeit.
Es ist in einem Feld im Manasi Gebiet, eine Baumwollblüte nach der anderen, so weit das Auge reicht. Die Blütezeit der Baumwolle ist noch nicht auf ihrem Höhepunkt, die weißen Baumwollbüschel blitzen schon vereinzelt zwischen den flatternden grünen Blättern hervor. Sporadisch werden sie von den Pflückern in der ersten Erntephase abgepflückt. Der Baumwollbauer Du Yongqiang bemerkt, dass in Süd-Xingjiang der Höhepunkt der Erntephase ungefähr in einem Monat erreicht werden wird. Es könnten noch einige Erntehelfer vom Norden Xingjiangs hierher durchdringen. „Pflücker die hart im Nehmen sind, halten schon mal mehr als 3 Monate durch.“
Als ich das erste Mal Xie Huafang sah, fühlte ich sofort, dass sie etwas besonderes ist -- ein schlanker Körperbau und massige Kleider heben sie von den meisten übrigen Pflückerinnen ab. Sie ist geschickt und flink, mit ihren 26 Jahren gehört sie zu der jungen Generation von Pflückerinnen. Um die Haut zu schützen, hat sie ihre weiße Haube noch tiefer als die anderen Pflückerinnen gezogen. Nur der Mund, die Nase und die Augen schauen hervor. Xie Huafang erzählt vom letzten Jahr, als sie das erste Mal Erfahrungen als Pflückerin gemacht hat. Ihr Gesichtausdruck wechselt in eine leidvolle Mimik. „Überlegen Sie mal, nicht nur die geneigte Hüfte, auch das ununterbrochene Pflücken, außerdem ist es erforderlich den ganzen Tag in der sengenden Sonne zu stehen, ist so etwas noch ertragbar?“
Um die Wasserversorgung, Beleuchtung und Nährstoffe für die Baumwollpflanzen in ausreichendem Maß zur Verfügung zu haben, sind im Gebiet einfach kleine, dichte Baumwollpflanzen eingeführt worden. Der Stamm der Baumwollpflanzen reicht gerade bis zu den Knien. Die Pflücker müssen sich sehr weit nach unten beugen. „Es scheint einfach unerreichbar, so pflücken wir teilweise in einer Kauerstellung, teilweise auch im Sitzen.“
„Als ich im letzten Jahr das erste Mal gekommen bin, habe ich morgens von 7 Uhr bis Abends um 8 Uhr gearbeitet. Es gab nur ein bisschen mehr als 10 Minuten Zeit zum Essen.“
„In den ersten Tagen ist das Gesicht ganz geschwollen, der gesamte Körper fühlt sich an, als ob er auseinanderfällt. Wenn ich am Abend nach Hause zurückkehre, kann ich mich nur schwer auf den Füßen halten.“
Manchmal wird sie fast von der giftig brennenden Sonne in einen Schwindelanfall versetzt, dann rennt Xie Huafang schnell unter einen Baum um dort kurz zu liegen, aber wenn sie an die anderen denkt, die an einem Tag 180 Pfund pflücken können, dann schämt sie sich dafür und rafft sich schnell wieder auf, um mit der Ernte fortzufahren.
Nach sieben bis acht Tagen schmerzt Xie Huafang ihre Hüfte nicht mehr, sie wurde zu einer ausgereiften Arbeitskraft, die jeden Tag 70 – 80 Kilogramm ernten kann.
Das Baumwollfeld ist ein Paradies für Stechmücken. Sie verstecken sich gerne unter den Baumwollbäumen, um der Sonne zu entrinnen. Wenn sich Leute nähern, fliegen sie diese an. Obwohl die Pflücker lange Kleidung tragen, können die Mücken trotzdem durch die Kleidung in die Haut stechen. „Wenn wir noch mehr tragen, bringt uns die Hitze um. Die Hände haben auch keine Zeit die Insekten zu vertreiben, da ist es das kleinste Übel, sie kurz zustechen zu lassen, wenn sie satt sind, lassen sie schon ab.“ Xie Huafang zuckt mit den Schultern und macht eine resignierende Geste.
Am Tag ist es still auf dem Baumwollfeld, gegen Abend jedoch wird es auf dem Feld lebhaft, hier findet dann die Übergabe der Baumwollernte statt. Diese Zeit ist meistens die glücklichste. Tatsächlich ist es keinesfalls das Ende dieses Arbeitstages, die Arbeiter prüfen ihre Ernte und sortieren schlechte Blüten aus.
„Es dauert mehr als eine Stunde die schlechten Blüten herauszusortieren“, sagt der 38-jährige Wang Pingya aus dem Linze Gebiet der Provinz Gansu. Wang und seine Frau haben am Tag mehr als 160 Kilogramm Baumwolle geerntet. Ihr Verdienst war 160 Yuan. Glücklich über das Einkommen zeigt Wang keine Anzeichen von Müdigkeit.
Die Übergabe der Baumwolle wird gefolgt vom erneuten Prüfen, Wiegen und der Auszahlung des Lohnes. Die Erntehelfer begleiten diesen Prozess mit Gelächter und dem Erzählen von Witzen. Im Verlauf der Gespräche rechnen sie ihr tägliches Einkommen aus uns vergleichen es mit dem heutigen Verdienst, sowie mit dem der anderen Arbeiter.
Wang erzählt mir, dass für ihn die Motivation nach Xinjiang zu kommen sehr einfach war: Geld. Baumwolle zu ernten ist Stückarbeit. Jeder Handgriff bringt Geld. Gewöhnlich wird die Arbeit mit einem Yuan für jedes Kilogramm geerntete Baumwolle bezahlt. Eine einzelne Baumwollblüte wiegt nur ungefähr 4 Gramm. Das bedeutet, dass jede gepflückte Baumwollblüte für Wang ein Einkommen von 0,0048 Yuan bedeutet. Wenn Wang pro Tag 100 Kilogramm ernten will, muss er die Bewegung 25.000-mal wiederholen.
Um 10 Uhr Abends bereitet Wang das Abendessen vor. Nach dem Schälen von einigen Tomaten und Chili legt er die Zutaten auf ein Schneidebrett. Beim Kochen ist die kleine Unterkunft voller Rauch. „Es ist nicht so schlimm. Zumindest werden wir so nicht von den Moskitos gebissen, “ scherzt Wang.
„Wie lange können sie pro Nacht schlafen?“, wird er gefragt. „Ein bisschen mehr als 4 Stunden, denke ich.“
Gegen 11 Uhr Abends ist komplette Stille im Baumwollfeld. Die Arbeiter haben sich bereits in ihren Unterkünften zur Ruhe gelegt. Nachdem der Staub abgewaschen wurde, schlummern sie tief, begleitet vom Zirpen der Grillen.
In den Augen vieler Erntehelfer ist das Pflücken mit der Abwanderung in die Städte vergleichbar. Es geht nur darum, das Leben ein bisschen zu verbessern, davon reich zu werden scheint undenkbar. Nach Ende der Ernteperiode kehrt ein großer Teil der Erntehelfer mit dem erworbenen Lohn schnell in ihre Heimat zurück. Nach dem Verleben einiger reicher Tage oder der Vollendung ihrer Sparpläne für den Hausbau, haben sie keinen weiteren Luxus mehr.
In ganz Xinjiang beginnt gerade eine starke und tiefgreifende technologische Revolution, in Form der Einführung von Erntemaschinen statt.
Im Changji Gebiet wird vermutet, dass bis zum Jahr 2010 die Umstellung auf mechanische Ernte bei über 60 % liegen wird. Das bedeutet, dass zu dem Zeitpunkt der hohe Bedarf an Saison Erntehelfern nicht mehr im aktuellen Umfang bestehen wird.
Im Manasi Bezirk gibt es zwei maschinell bewirtschaftete Baumwollfarmen. 35 einheimisch produzierte Erntemaschinen stehen noch still bereit und warten den Höhepunkt der Reifephase ab. Die monströsen Maschinen bewegen sich in die Felder und ersetzen jene tief gebückt arbeitenden Pflücker.
Die Baumwollbauern erklären, dass eine Baumwollmaschine 600 fähige Arbeiter ersetzen kann. Trotz der Tatsache, dass sie nicht noch effektiv schadhafte Blüten entfernen können, wie es ein menschlicher Arbeiter in der Lage wäre, haben die Erntemaschinen eine rasante Entwicklung in den letzten Jahren durchgemacht. „Es ist ein unvermeidlicher Trend der wahrscheinlich die Arbeiter ersetzen wird“, sagt der Baumwollbauer Du Yongqiang.