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Der fünfte Landschaftsstrich: Das Lagerhaus der Natur
Motuo reicht von den 7.782 Meter hohen Schneegipfeln bis zu den flackernden Blättern des Brahmaputra inmitten einer tropischen Landschaft. Ein solch intensiver Kontrast zwischen den wohldefinierten Klimazonen findet sich auf gerade 200 km Luftlinie von Namcha Barwa abwärts und schafft ein vollkommenes und lückenloses Spektrum einer Tier- und Pflanzenwelt, welches sich auf diesem vertikalen Gefälle angesiedelt hat. Im hiesigen tropischen Regenwald kann man Pflanzen, die nur in den Tropen vorkommen, wie ausgewachsene Bananen, Flügelfruchtgewächse und Palmen sehen. Man kann auch Kängeruhdorn, Kampferbäume und Nanmu-Bäume sehen, die sich in den Laubwäldern auf den Bergen verbreiten. Hemlocktannen und Qiaomu-Heidekrautgewächse bilden die Nadelwälder der gemäßigten Bergklimazone. Rattan, Heidekrautgewächse, Motuotannen und Cangshantannen bilden die Nadelwälder der polaren Bergklimazone. Strauchkrautgewächse, Primeln und Dotterblumen, sowie viele noch unbekannte Blumenarten bilden die Strauchflurzonen der polaren Klimazone des Hochgebirges.
Der sechste Landschaftsstrich: Eine besondere Menschenkultur
Der Kreis Motuo beherbergt eine Bevölkerung von 9.600 Menschen. Die Moinba-Minorität, Lhoba-Minorität und Tibeter sind hier heimisch. Die Moinba machen mehr als die Hälfte der lokalen Bevölkerung aus. Es gibt aber außerdem noch eine kleine Zahl von Menschen der Han-Nationalität. Die Lhoba zählen insgesamt mehr als 2.300 Menschen, wovon 51% in Motuo heimisch sind. Der Name Lhoba kommt aus der tibetischen Schrift und wurde aus dem Sprachgebrauch des tibetischen abgeleitet. Archäologen fanden im Kreis Motuo Artefakte, wie z.B. Steinäxte, antike Meisel, Spinnräder, handgefertigte Seile, Tonscherben u.v.m, die aus der Neuzeit stammten. Dadurch wird bewiesen, dass die Vorfahren Lhoba schon sehr früh in diesem Gebiet des großen Canyons lebten. Die Sprache der Lhoba gehört zur Sino-tibetischen Sprachgruppe und wird als Sprachzweig der tibetischen Sprache gesehen. Da sie keine eigene Schrift besitzen, verwenden sie die tibetischen Zeichen. Die Lhoba leben hauptsächlich von der Landwirtschaft und betreiben nebenbei noch etwas Viehzucht, Jagd und Fischfang. Außerdem beschäftigen sie sich sekundär noch mit der Webekunst, sowie mit dem Sammeln und weben von Bambus zur Rattan-Herstellung.
Die Lhoba-Minorität wohnt traditionellerweise in Stehenbauten. Sie bestehen aus Bambus, welcher als Baumaterial vor Ort ausreichend vorhanden ist. Außer dem Fundament, welches aus Steinen aufgeschichtet wird, den Holzdielen, Querbalken- und Trägern, sowie dem Holzmaterial für Tür- und Fensterrahmen, wird der Rest des Hauses komplett aus Bambus gefertigt. Selbst das Dach wird mit Bambusziegeln gedeckt. Die Lhoba glauben eine Naturreligion. Sie hat einen tiefgreifenden Inhalt und kennt viele Formen der Andacht. Darunter sind der Totemismus, Naturverehrung, Geisterverehrung und der Ahnenkult. Sie glauben, dass alle Dinge ein Leben haben und alles aus Geistern und Seelen zusammengesetzt ist. Verbrechen führen zu Katastrophen und Unglück. Unter den vielen Anbetungsformen gibt es auch zahlreiche Tabus, welche alle eine wichtige Bedeutung haben.
Die Monba-Nationalität ist die bevölkerungsreichste Minderheit im Gebiet des großen Canyons. In China gibt es über 7.400 von ihnen. Ungefähr 7.000 Monba leben im Naturschutzgebiet, was 95% aller dort lebenden Menschen ausmacht. Monba kommt aus der tibetischen Sprache und bedeutet „die, welche in der Tiefebene leben, wo das Tal sehr eng und das Land von dichten Wäldern bedeckt ist“. Sie weben und flechten Bambusrattan. Die häusliche Handwerkskunst ist vergleichsweise entwickelt. Diese Handwerkskunst hat sich jedoch noch nicht aus dem Bereich der Landwirtschaft herausgelöst. Im Allgemeinen werden die zusätzlichen handwerklichen Arbeiten nur in der erntefreien Zeit betrieben, wenn die Arbeit auf dem Land nicht möglich ist.
Die Monba haben eine sehr besondere Ess- und Trinkkultur. Die Hauptspeise besteht aus Mais, welcher mit Reis und Hühnerfüßen zusammen serviert wird. Der Mais wird in der Regel zermahlen oder zusammen mit Reis gegessen. Die Hühnerfüße werden gekocht. Gerne wird dazu Buttertee, Schnaps oder Spirituosen getrunken. Was Fleisch betrifft so sind Vieh, Geflügel, Wildtiere und Fische kein Tabu, ebenso werden Rinder und Schafe auch gegessen. Die Monba-Männer tragen lange Haare, haben einen Gürtel umgebunden und verfügen über ein kleines Schmuckmesser. Die Frauen binden ihre Haare mit farbigen Bändern zu einem Zopf, welchen sie auf dem Kopf aufwickeln. Sie tragen Perlenohrringe (sehr stark denen von Tibetern ähnelnd). Die Monba-Frauen von Motuo sind oft zu sehen, wie sie im Bergland Materialien transportieren, weshalb sie sich ein Stück Lederhaut übergezogen haben, um den Rücken als Tragefläche nutzen zu können. Damit wird der Rücken vor Schürfwunden geschützt. Diese Art von Schutzkleidung wird im Tibetischen als „Jiadian“ bezeichnet. In der Vergangenheit war es in sehr vielen ländlichen Gegenden von Tibet üblich, Rückengestelle zum Transport von Waren zu verwenden. Deswegen kamen sich von sich aus auf die Idee, eine solche Schutzkleidung zu schaffen.